Textauszüge aus dem Roman
»Systemstörungen«
Kapitel 1 – DEIN REICH KOMME, DEIN WILLE GESCHEHE
Mai 1945
Die Sonne scheint, die Luft ist mild, wie es sich für einen der ersten Maientage gehört. Und sie ist erfüllt von pausenlosem Geschützfeuer. Zerlumpte Gestalten arbeiten inmitten einer bizarren Trümmerlandschaft mit einfachem Gerät oder bloßen Händen, um eine Flugzeuglandebahn mitten in das Zentrum einer europäischen Großstadt zu bauen, die zur Festung erklärt worden war. 300 Meter breit, über einen Kilometer lang. Abwechselnd suchen die Menschen in diesen Steinwüsten Schutz vor Bombenangriffen oder wendigen Tieffliegern, die die Menschen wie Hasen jagen und aus der Luft beschießen. Am Rande stehen zwei Männer in Uniform und rauchen. Es sind Uniformen der Waffen-SS. Der eine, Obersturmführer Hans Schneider hat eine Maschinenpistole umgeschnallt, der andere, obwohl erst später Vormittag, eine Flasche Wein in der Hand. Es ist Obersturmbannführer Rudolf Kuhn, dessen Uniformjacke nicht voll-ständig zugeknöpft ist. Sie sprechen über die neuesten Gerüchte. Eine Kapitulation könnte unmittelbar bevorstehend. Und, das aber wirklich nur hinter vorgehaltener Hand, Karl Hanke, Kampfkommandant der Festung Breslau und frischgebackener Reichsführer SS, von Zeitgenossen mit dem Beinamen ›Henker von Breslau‹ versehen, soll Pläne haben sich aus der Festung abzusetzen.
»Das glaube ich nicht. Nicht der Hanke«, meint Hans Schneider.
»Ach, Schneiderlein. Der Hanke ist nicht dumm. Und hier ist nichts mehr zu gewinnen«, erwidert der Obersturmbannführer und nimmt noch einen Schluck aus der Rotweinflasche. Premier Cru Château Lafite Rothschild 1939, frisch geplündert.
»Wir haben hier ganze Straßenzüge abgerissen, bewachen hier seit Monaten unter großen Opfern den Bau der Landebahn. Das soll alles umsonst gewesen sein?«, erwidert Schneider.
»Was für große Opfer? Meinst du das elende Gesindel da?« Kuhn zeigt auf die arbeitende Kolonne und lacht. Er reißt mit der freien Hand sein Halfter auf, zieht die Pistole und feuerte drei Schuss in Richtung der Frauen und Männer, die unter strenger Bewachung Zwangsarbeit verrichten. Sie werfen sich erschrocken zu Boden.
»Ihr sollt arbeiten, ihr Schweine, und nicht auf dem Boden rumkriechen«, brüllt er über die im Bauschutt Liegenden hinweg und schießt noch dreimal in die Luft. Langsam und vorsichtig beginnen sich die Menschen wieder aus dem Staub zu erheben und gehen verstört und eingeschüchtert weiter ihren Tätigkeiten nach. Niemand scheint von den Schüssen getroffen worden zu sein.
»Und diese lausige Stadt? Die ganzen Häuser? Na und? Wenn das Bolschewiken-Pack hier einfällt, ist eh alles im Arsch. Wenn es nicht so mühsam wäre, sollten wir den beschissenen Rest auch noch anzünden und diese Tiere da dazu ins Feuer werfen«, fuchtelt Rudolf Kuhn mit der Pistole herum. Er scheint nicht mehr ganz nüchtern zu sein.
»Trotzdem. Eine Kapitulation wäre gegen alle Befehle des Führers«, flicht Hans Schneider ein.
»Schneider, alter Höllenhund, mach die Augen auf! Wir haben keine große Wahl mehr. Was denkst du, was der Iwan mit uns macht, wenn er uns kriegt? Uns zu einer Runde Doppelkopf auffordern? Es ist nicht schön, aber uns bleibt nur noch diese eine Möglichkeit, Schneider.«
Der Obersturmbannführer steckt sich den Lauf der Pistole in den Mund.
»Nicht, Herr Obersturmbannführer! Das dürfen Sie nicht!«, schreit Schneider entsetzt.
Der Mann mit der Waffe im Mund zögert einen Moment und sieht drei Tauben nach, die über das Trümmerfeld fliegen. Dann lacht er kurz verächtlich und drückt ab. Die Pistole gibt ein dumpfes Klack von sich und der Mann lacht weiter.
»Zählen kannst du auch nicht, oder Schneider?«
Während sich der Obersturmbannführer weiter amüsiert, stellt er die Rotweinflasche ab und füttert die Kammern seiner Pistole mit neuer Munition.
»Der Hanke hat doch Recht. Wir setzen uns auch ab, Schneider. Jetzt! Raus aus der Stadt! Du und ich. Männer wie Hanke, Männer wie wir werden noch gebraucht. Hier ist eh alles verloren.«
Der Obersturmbannführer nimmt die Flasche wieder zur Hand und winkt Schneider mit der Pistole zu, ihm zu folgen.
Schneider zögert.
»Und der Bautrupp hier?«
»Soll zur Hölle fahren!«
Die beiden Männer gehen in Richtung einer schwerbeschädigten Kirche davon. Die Menschen, die an dem Bau der Landebahn schaffen, schauen ihnen verstohlen nach und blicken sich ungläubig an. Wenn die gehen, ist es dann vorbei oder wird es nur noch schlimmer, weil man uns dafür verantwortlich machen wird, dass sie fort sind?
Eine knappe Stunde später gehen zwei Männer in schwarzen Soutanen mit Fackeln in den Händen durch dunkle Gänge und Kellergewölbe und kommen nach einer ganzen Weile auf der anderen Seite des Belagerungsrings wieder an die Erdoberfläche. Ein Priester und ein Küster in dem Teil der Stadt, den die beiden Fackelträger gerade hinter sich gelassen haben, liegen in ihrem eigenen Blut auf dem Boden einer Sakristei. Ihre Körper weisen zahlreiche Einschusslöcher auf, die von einer MP40 verursacht wurden. Zu spät für ein letztes Vaterunser.
Kapitel 10 – WIEDERSEHEN IM DOPPELPACK ODER MANN VERLIERT HUT
I don’t like Mondays
I wanna shoot the whole day down
Die Sonne scheint, die Luft ist mild, wie es sich für einen der ersten Maientage gehört. Und sie ist erfüllt von pausenlosem Verkehrslärm. Abgasintensive Privatautos, Lastkraftwagen,
Transporter und zahlreiche Doppelstockbusse boten eine unablässige Ohrenqual.
Es war Montagnachmittag und naturgemäß verblassten die Freuden und Geschehnisse des Wochenendes ein wenig vor den Erfordernissen einer neuen Arbeitswoche mit langen Schichten
und trüben Erwartungen. Die Kombination aus Bier und Bitterlikör konnte für ein paar Stunden offene Fragen und Sorgen verschwinden lassen, aber sie tauchten am nächsten Morgen unweigerlich wieder auf. Meine Probleme waren nicht in Alkohol
löslich. So viel stand fest. Der Briefkasten hatte mir nur den Kicker, das Zentralorgan
des DFB, wie die Zeitschrift bei uns genannt wurde, mit den Berichten der frustrierenden Spielergebnisse vom Wochenende und
ein Schreiben meiner Bremer Anwälte beschert, welches auch nicht in der Lage war, einem ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern. Penelope hatte mich bekanntlich zu einer Aussprache
zitiert, was ernst und unerfreulich klang und vermutlich auch werden würde.
Am Kaiser-Wilhelm-Platz wartete ich an der Stelle, an der das alte Rathaus Schöneberg mit angegliedertem Gefängnis gestanden hatte. Ein respektabler Bau, der bis 1914 als zentrales
Amtsgebäude für Schöneberg genutzt wurde und wie so viele andere im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war.
Penelope schleppte mich von unserem Treffpunkt, an dem sie eine gefühlte Stunde, in Wahrheit zwanzig Minuten später, als verabredet gewesen war, eintraf, in die Kolonnenstraße in das Café
Göbel. Meine mittel schlechte Montagslaune hatte sich durch das Beine-in-den-Bauch-stehen im Abgasdunst des Feierabendverkehrs bei der Beobachtung hässlich-zerzauster Stadttauben, die vor meiner Nase Dinge trieben, die vermutlich zu noch mehr Exemplaren von den Ratten der Lüfte führen würden, deutlich verschlechtert.
Ich hasste Unpünktlichkeit. Meiner Meinung nach war jemanden warten zu lassen eine besonders impertinente Form von Ignoranz.
Das Café Göbel hatte ich noch nie zuvor betreten. Vielleicht weil ich den Namen für einen Ort, an dem Essbares verabreicht wurde, eher schwierig fand oder einfach, weil ich mich nicht zur
Zielgruppe des Etablissements zählte. Als wir eintraten, stellte ich mit einem Rundblick fest, dass wir die einzigen Gäste unter 60 Jahren waren. Meine Vorurteile wurden vollauf bestätigt. Es war ein verstaubtes Oma-Café und so nahm ich die anwesenden Seniorinnen und vereinzelten Senioren nur als Kaffeehaus-Kulisse wahr, nicht als Individuen, denen ich meine Beachtung zu
schenken gewillt war. Das hätte ich besser nicht tun sollen, dann wäre eventuell dem Schicksal eingefallen, mir einen günstigeren Verlauf der Dinge zu bescheren. Aber ich war nun einmal, wenn überhaupt, auf Penelope fixiert und nicht auf andere weibliche Wesen, die sich jenseits meines gewöhnlichen Aufmerksamkeitsfokus befanden. Und später hat man dann den Salat.
Eine vergleichsweise kleine Portion Salat bekam ich von Penelope sofort serviert, weil ich es wagte, in politisch unkorrekter Form gegen unseren Ausspracheort zu moppern.
»Café Göbel? Nicht dein Ernst. Was sollen wir denn da?«
»Ist doch ganz nett da. Und die Konditorsachen sind wirklich lecker.«
»Säckeweise alte Omas. Da fühlst du dich wohl?«
»Alte Omas? Spinnst du? Das sind ältere Frauen und ob sie Omas sind oder nicht, kannst du gar nicht wissen.«
»Tatütata! Die Sprachpolizei ist da!«
Penelope ignorierte meinen Einwand und wir landeten an einem der wenigen freien Tische in der hinteren rechten Ecke des Ladens. Der Tisch war mit einer hellbraunen Leinendecke, die in langen beigen Fransen endete, verunziert, in
einer kleinen Vase, deren Braun etwas dunkler war, steckten drei rote Plastiknelken. Zwei mit mittelbraunem Kunststoff überzogene Speisenkarten lagen bereit. Penelope bestellte
sich zum Kaffee ein opulentes Stück Schokotorte mit Himbeeren obendrauf, die sich laut Karte Teufelsbraten nannte, während mir meine Zigaretten zu einem Kännchen Kaffee
genügen sollten. Die Bedienungen waren unisono in weiße Schürzenkleider verpackt worden und trugen komplizierten Haarschmuck, der vermutlich einmal ein handgeklöppeltes Tischdeckchen werden wollte, aber nicht durfte, und nun als eine Art Haube auf den Köpfen der bedauernswerten Angestellten gelandet war.
Wie konnte Penelope als bekennende Feministin einen Ort aufsuchen, an dem Frauen gezwungen wurden, derartig bescheuert herumzulaufen? Ich verzichtete auf diese gesellschaftspolitisch wichtige Frage, sondern machte stattdessen auf einen pekuniären Missstand des Ladens aufmerksam.
»Die Preise sind ja auch nicht gerade etwas für die sozialSchwächeren im Lande«, murrte ich noch etwas weiter herum.
»Sozial schwach? Was ist das denn für ein Ausdruck, Müller? Menschen sind unter Umständen arm, aber doch nicht sozial schwach. Tss, tss, tss, tss!«
»Die Autotüren werden aufgerissen und die Sprachpolizisten nehmen erste Verhaftungen vor.«
Penelope schaute mich genervt an.
Ich hatte für die von Penelope gewünschte Aussprache, von der ich allerlei Unannehmlich-keiten erwartete, nun für ausreichend schlechte Stimmung gesorgt und beschloss, als Kontrast
möglichst unschuldig zu gucken. Wobei eigentlich Penelope mir mit ihrer rücksichtslosen Verfügung über meine kostbare Zeit bereits den Montag verdorben hatte. Soweit das überhaupt noch
möglich war.
»Wo brennt’s denn nun«, fragte ich absichtlich dümmlich und grinste.
Penelope machte ein Geräusch, das man als gestöhnte Resignation interpretieren konnte. Hatte sie sich vermutlich bei ihrer Tätigkeit in den Untiefen der deutschen Bildungsmisere ange-
wöhnt, in der sie sich als Lehramtsreferendarin betätigte.
»Du möchtest es uns wohl besonders schwer machen, oder, Mark?«
»Uns? Schwer machen? Keine Ahnung.«
»Ich habe dich im Jonas angesprochen, weil ich meine, dass wir dringend eine Aussprache über unsere Beziehung führen müssen. Du erinnerst dich?«
»Ja. Ein befohlener Termin für Montag, Punkt 17:00 Uhr, am Kaiser-Wilhelm-Platz. Ich war da. Du nicht. Jetzt ist es halb sechs und ich sitze in einem Plüsch-Café und bin immer noch da.«
Ich steckte mir eine an und überließ Penelope die Initiative. Es folgte eine Generalabrechnung der letzten Monate, bei der ich nicht besonders gut wegkam. Es begann mit der Kritik an meinem plötzlichen Verschwinden und dem nichts-sagenden Brief, den ich ihr angeblich aus London geschrieben hatte, obwohl er in Finnland aufgegeben worden war. Meinem ebenso
plötzlichen Wiederauftauchen, ohne sie darüber sofort und exklusiv informiert zu haben, und die für sie fehlende schlüssige Begründung für meine längere Abwesenheit.
»Bin ich weg, ist es schlecht, bin ich da, ist es auch schlecht«, bemerkte ich.
Sie hatte sich mittlerweile offenbar von der Trotzkisten-Gruppe, der sie bislang nahestand, distanziert, was ich nicht für die schlechteste Idee hielt, um sich nunmehr nur noch ausschließlich im Geschlechterkampf zu betätigen, statt sich für die Befreiung der Menschheit von Ausbeutung, Unterdrückung und Krieg einzusetzen, was ich für eine weniger gute Idee hielt. In ihrer neuen Frauengruppe waren ihr offenbar ein paar Hintergründe zu meinem Verschwinden ange-deutet worden, die der Wahrheit ziemlich nahekamen, was mich äußerst beunruhigte und ein Meer an Fragen generierte, die ich für mich behielt. Penelope baute diese Andeutungen und Gerüchte zu dem Vorwurf mangelnden Vertrauens ihr gegenüber aus. Grundsätzlich hatte sie in diesem Punkt recht. Das war aber politischer Natur und nicht so sehr persönlicher. Sie nahm es aber persönlich. Sehr sogar. Zu meinem weiteren Sündenregister, welches mir in anschwellender Lautstärke unter der zunehmen-den Anteilnahme des anwesenden Caféhaus-Altersheims nähergebracht wurde, zählten alle Anklagepunkte des male chauvinism plus Oberflächlichkeit und Weigerung der Auseinandersetzung mit meinen zahlreichen persönlichen Defiziten, erheblichen Sozialisations-schäden und weiteren geschlechtsbedingten Mängeln.
»Du machst auf Macker, auf den coolen revolutionären Kämpfer, aber in Wirklichkeit bist du ein unsicherer und schwacher Mensch. Ein Feigling. Wenn du Mut hättest, würdest du dich mit alldem auseinandersetzen, in eine Männergruppe gehen, eine Analyse machen, wirklich ernsthaft an dir arbeiten!«
»Ich arbeite. Tag und Nacht. Solltest du schon mitbekommen haben.«
»Das meine ich nicht und das weißt du auch. Wenn es für dich eng wird, spielst du gerne den Trottel. Auch so ein Beleg für deine Feigheit.«
Ich atmete einmal demonstrativ ein und aus, wozu mir Penelope überraschenderweise die Gelegen-heit ließ. Solch eine unerwartete Lücke beim Monologisieren gedachte ich zu nutzen.
»Aha. Weißt du, was ich feige finde? Fette Bezüge als Referendarin kassieren und in Konsum-Scheiße stecken, auf eine Verbeamtung auf Lebenszeit hingeiern, nichts zum Kampf um Befreiung beizutragen, mit Partikularinteressen Spaltung zu betreiben, Genossinnen auszu-horchen, um Privatinteressen zu verfolgen, von mangelndem Vertrauen zu labern, anstatt mal eine
Sekunde darüber nachzudenken, ob der Umstand, nicht alles zu wissen, nicht vielleicht auch Rücksichtnahme und Schutz bedeuten könnte. Nicht denken und nicht kämpfen, nur rum-krampfen und sich mit Nebensächlichkeiten aufhalten. Das ist für mich feige.«
Es folgte eine längere Tirade von Penelope, die nun endgültig montagsmäßig miserabel für mich ausfiel. Politisch und persönlich. Die älteren Herrschaften an den Nachbartischen vergaßen
teilweise den anstehenden Nachhauseweg, so beeindruckend war Penelopes Auftritt. Nachdem die klassischen Worte ›endgültiger Schlussstrich‹, ›unzumutbar‹ und ›hoffnungslos‹ gefallen
waren, stand Penelope abrupt Wut schnaubend auf, stieß dabei fast unseren und einen Nebentisch um, dass den interessierten Senioren der graue Star vor Schreck in die Kaffeesahne plumpste
und wollte das Café Göbel offenbar ohne weitere Umschweife verlassen. Da ich leider in Wirklichkeit in persönlichen Dingen nicht einmal halb so straight war, wie ich gerne wirken wollte, war mir danach, noch etwas Versöhnliches zum Abschied zu äußern.
»Du, Penelope, der größte Feind der Qualität ist die Eile, sagt Laotse. Und Penelope, pass gut auf dich auf!« Statt einer Antwort streckte sie mir den Mittelfinger entgegen.
»Und wenn es nicht klappt, nenn es nach mir«, schob ich mit einem Grinsen nach. Eine von diesen kackbraunen Vasen mit Kunststoffbouquet, die Penelope von einem Nachbartisch nahm, flog mir entgegen. Dank guter Reflexe fing ich das Ensemble auf, stellte es mit gespielter Selbstverständlichkeit zu dem Pendant auf unserem Tisch und lächelte dazu in die Runde. Ein friedhofsblonder Vertreter meines Geschlechts, das in dem Geronto-Schuppen aufgrund der kriegsbedingten Ausfälle nur sehr spärlich vertreten war, sagte »Juter Mann, wa« und applaudierte mir zu, wofür er von seiner mit einem Obst- und Gemüsearrangement behüteten
Begleitung einen spitzen Ellbogen in die Rippen gerammt bekam.
»Lass dit, Rudi, mach hier bloß keene Fisimatenten.«
Nun schien der Beginn der Woche nahezu perfekt zu sein. Ich schaute Penelope hinterher und schob mir eine weitere Zigarette in den Mund. Hinter ihr verließ eine ältere Dame mit Hut, Mantel und großer Handtasche den Laden, die die ganze Zeit
am Nebentisch gesessen hatte. Ich fing gerade an, über das Gesagte ein wenig nachzudenken, als sich genau von dort die frisch verlassene Tischpartnerin näherte, die mit dem Rücken zu mir
dort verweilt hatte.
»Ach, wen haben wir denn da? Den Herrn Knastbruder. Was machen die Zeitschriften-Abos denn so?« Mir fiel fast das Stück von der Schoko-Himbeertorte aus dem Mund, die Penelope stehen gelassen hatte, als ich in ihr Gesicht sah, aber ich bemühte mich um strengste Selbstbeherrschung. Es war die leibhaftige Frau Schneider aus dem Haus von Oberstaatsanwalt von Erbe, bei der Kraschno und ich eine ungewollte Stunde verbracht hatten, als wir dessen Wohnung auf Einbruchsschutz checkten, und die von Leni am Tag der Operation Band 16 undercover aus dem Haus gelockt worden war.
»Tschuldigung«, sagte ich kauend, »aber ich glaube, wir kennen uns nicht. Wohl ne Verwechslung. Macht ja nichts. Kann
passieren.«
»Von wegen Verwechslung, mein Freundchen. Ich habe deine Stimme erkannt. Ich täusche mich nicht. Schneider. Samstag. Erster Dezember. Sybelstraße. Du und dein Kumpel …«
Scheiße, Scheiße, Scheiße! Diesem Schicksal musste ich unbedingt entgehen.
»Nochmals, Entschuldigung, gnädige Frau, aber ich verstehe kein Wort von dem, was Sie da sagen. Wie ich schon bemerkte, es scheint sich um eine Verwechslung zu handeln. Trotzdem, einen schönen Tag noch.«
»Dit denkste dir so, Bürschchen! Ich weiß genau, wer du bist. Du hast den Staatsanwalt ausbaldowert. Du und dein Spezi. Ich erkenne auch euren unverkennbaren Hamburger Akzent bei dir wieder.«
Diese Beleidigung musste unter den gegebenen Umständen widerspruchslos geschluckt werden.
»Und ein paar Tage später dann, der Überfall. Das wart ihr auch.«
»Wirklich, ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.«
»Quatsch keine Opern, Junge. Ich setz mich jetzt zu dir und du hörst mir zu, sonst schrei ich hier den Laden zusammen, dass du ein gesuchter Terrorist bist. Klar?«
Soeben hatte ich die ungewollte Aufmerksamkeit des Tortenhospizes wieder verloren und ich wollte sie um keinen Preis wieder zurück haben. Und der alten Schneider war alles zuzutrauen. Die Nummer Ich-schrei-alles-zusammen-wenn-nicht-dies-oder-
das kannte ich schon. Wenn sie jetzt losbrüllte, wäre ich im Nu aus dem Laden. Hier war niemand, der mich hätte aufhalten können. Nur lebte ich hier. Es war mein Kiez. Und er sollte es auch bleiben. Ich musste mir, wohl oder übel, eine andere Taktik ausdenken. Und zwar schnell.
»Okay, Frau Schneider. Gewonnen. Wollen Sie noch ein Kännchen Kaffee trinken?«, unternahm ich eine 180-Grad-Wende.
»Na, also«, nahm Frau Schneider Platz. Ich bestellte bei der Bedienung für sie Kaffee und einen doppelten Baileys auf Eis für mich.
»Und um eins mal gleich klarzustellen, Frau Schneider, Terroristen, Terroristen sind andere Leute. Wir nicht. Wie Ihnen nicht entgangen sein sollte, wurde dem Herrn Staatsanwalt kein
Haar gekrümmt.«
»Ist mir doch egal, was mit dem arroganten Kerl und seiner schrecklichen Ollen ist.«
Umso besser, dachte ich. Aber was wollte sie dann von mir?
»Ihr habt versucht, die alte Frau Schneider ganz schön zu verarschen. Aber ich hatte euch gleich durchschaut. Damals schon, an dem Samstag. Trotz eurer Maskerade. Obwohl, auf der Straße hätte ich dich nicht wiedererkannt. Ihr wart alles
Mögliche, aber keine Ex-Knackies. Kurz darauf die Einladung und die junge Frau im Kranzler. SFB. Journalistin. Die war besser als ihr. Aber die ganze Zeit so nervös und unkonzentriert. Doch erst als ich vom Kranzler zurückkam und alles voller
Polizei war, wegen dem von Erbe und dem ganzen Tamtam, da wurde mir alles klar. Aber ich hab nichts gesagt, als die Kripo bei mir war und gefragt hat, ob ich verdächtige Beobachtungen gemacht hätte.«
Frau Schneider schaute an mir vorbei in Richtung nirgendwo und schwieg.
»Sie werden verstehen, dass ich mich dazu nicht äußere. Ich schenk Ihnen lieber noch mal eine schöne Tasse Kaffee ein«, sagte ich, nippte am Baileys und pickte die letzten Krümel des
Teufelsbratens auf.
»Martha. Martha Schneider.« Ihre rechte Hand kam mir über den Tisch entgegen. Ich gab ihr mechanisch meine.
»Harry, einfach Harry«, blieb ich vorsichtshalber bei meinem Rollennamen, den wir uns für die Vorbereitungsaktion damals ausgedacht hatten. Und ich war mir nicht einmal sicher, ob das eine gute Idee war. Nach einem festen Händedruck fixierte Frau Schneider einen imaginären Punkt im Raum, nahm einen Schluck aus ihrer Tasse und legte ihre rechte Hand auf meine und begann leise
weiterzusprechen.
»Hans. Du erinnerst dich. Erster Dezember. Mein Mann. Sein sechzigster Geburtstag. Ich hab ihn gefeiert. Jedes Jahr. Allein. Er war ja nicht mehr da, war nicht zurückgekommen. Immer. Jedes verdammte Jahr. Und ich hab ihn immer geliebt.«
Ihre rechte Hand wärmte meine Rechte. Mit der Linken gönnte ich mir noch ein wenig vom Sahnelikör.
»Ich hab euch damals die ganze Geschichte erzählt. Und ich dachte, das war die Geschichte. Meine Geschichte mit Hans. Hans’ Geschichte.
Ich habe das all die Jahre geglaubt. Gelebt. Und jetzt …«
Wieder entstand eine Pause. Mir war komplett unklar, worauf das hinauslaufen sollte.
»Harry. Du heißt doch Harry, oder? Harry, alles, alles woran ich immer geglaubt habe, war eine große Lüge. Hans verschollen. Irgendwo gefallen. Ich, die blutjunge Kriegerwitwe. Witwe für immer. Meine letzten 35 Jahre. Mein ganzes Leben. Eine
Lüge. Ein Betrug. Und ich, ich Martha, bin die Betrogene, die Belogene!«
Ein Betrug? Was sollte das bedeuten? Martha ließ mir wenig Zeit für Spekulationen.
»Kurz vor Weihnachten letztes Jahr, bald nach eurem Anschlag in unserem Haus, war ich im KaDeWe. Einkaufen. Geschenke. Und da sehe ich in der Parfümabteilung im Erdgeschoss einen Mann und ich denke sofort, den kennst du irgendwie. Aber mir fiel nicht ein, woher. Ich musste ihn ansehen, ja anstarren, damit meinem alten Kopf etwas dazu einfiel. Er war in keiner Weise besonders auffällig. Außer vielleicht, dass
er etwas größer als der Durchschnitt war. Mantel, nicht arm, aber auch nicht elegant. Hut. Etwas älter als ich. Er riecht an irgendeinem Rasier-wasser, hält so ein Fläschchen in der Hand. Ich muss ihn wohl zu intensiv angestarrt haben. Jedenfalls schaut er plötzlich in meine Richtung, direkt in mein Gesicht. Das dauerte nicht viel länger als ein paar Sekunden. Bei mir fiel kein Groschen. Aber wohl bei ihm, denn er wird kreide-
bleich und sieht zu Tode erschrocken aus. Zu Tode. Was für ein Hohn. Er dreht sich auf der Hacke um. Zackig, irgendwie militärisch. Und geht schnurstracks Richtung Ausgang Tauentzien, das Rasierwasser noch in der rechten Hand. Aus der Menge löst sich ein anderer Mann, der genauso nullachtfuffzehn aussieht. Ich steh da, immer noch wie angewurzelt, doch ohne nachzudenken, gehe ich hinter ihnen her. Kurz hinter dem Ausgang,
schon auf der Straße, holt der andere ihn ein, packt ihn an der Schulter, sagt etwas und deutet auf das Rasierwasser. Ich stehe noch im KaDeWe, kann nichts verstehen. Der Verfolgte dreht sich langsam um, nimmt die linke Hand, in der Rechten noch das Rasierwasser, führt sie langsam zum Kopf, kratzt sich kurz unterhalb des Hutes an der Stirn, führt die Hand höher, höher über den Hut, der Verfolger folgt der Hand mit den Augen und
in dem selben Augenblick schnellt der Kopf des Verfolgten vor und er zertrümmert dem Anderen mit seiner Stirn das Nasenbein. Blut spritzt. Der Hut fällt zu Boden. Der Andere auch. Da wusste ich, wer es war. Die ganze Szene stand mir wieder vor Augen, als sei es gestern gewesen. Dezember 44. Die Bäckerei im Nachbarhaus. Dort, wo ich Hans kennengelernt hab. Wo ich jeden Tag mit ihm saß. Kurz vor Geschäftsschluss. Ein großer stattlicher Mann betritt die Bäckerei. Auch er in Uniform. Im Arm so ein blondes Liebchen. Aufgedonnert ohne Ende, ordinär und ganz offensichtlich ordentlich beschwipst. Vermutlich
ne Tippelmieze. Hans springt auf und grüßt Heil Hitler, Herr Obersturmbannführer. Der Mann ist ganz unmilitärisch und sagt nur, Mensch Schneider, alter Höllenhund, du in Berlin und nicht an der Front. Er setzt sich mit der Schickse zwang-
los zu uns an den Tisch. Verbeugt sich vor mir, nimmt meine Hand und sagt Küss die Hand, gnädiges Fräulein. Die dumme Gans gackert in sich hinein. Er war mit Hans bekannt und, obwohl ein höherer Dienstgrad, ganz umgänglich und nett. Hans stellt mich als seine deutsche Braut vor. Der Ostubaf strahlte so viel Wärme aus, man musste sich in seiner Gegenwart sofort wohlfühlen. Da kommt noch ein Kunde in die Bäckerei und will Brot kaufen. Das gibt es natürlich zu später Stunde nicht mehr. Der Mann reagiert ungehalten und sagt, was ist das für ein Führer, der sein Volk ohne Brot lässt, und will gehen. Der Herr Obersturm-bannführer ruft vom Tisch Volksgenosse, mal
hiergeblieben und steht auf. Der Mann bleibt wie festgenagelt stehen und der Ostubaf tritt an ihn heran und sagt ganz langsam, der Führer, und dabei führt er die linke Hand zum Kopf und kratzt sich kurz unterhalb der Uniformmütze, der Führer,
dabei führt er die Hand höher, höher über die Schirmmütze, der Mann folgt der Hand mit den Augen und in demselben Moment zerschlägt der Ostubaf dem Mann mit einer ruckartigen Vorwärtsbewegung des Kopfes die Nase. Der Mann bricht blutend zusammen und der Ostubaf tritt dem Mann mit seinen blanken Stiefeln gegen den Kopf. Der Führer, sagt er, hat dir bis heute Brot gegeben, du Volksverräter! Was für eine Versch-wendung. Dann brüllt er, mit dem Führer zum Sieg! Heil Hitler! und verlässt seelenruhig mit dem Blondchen die Backstube. Das war der Herr Ober-sturmbannführer Rudolf Kuhn im Dezember 44. Gefallen bei der Weichsel-Oder-Operation Anfang
45. Quicklebendig im KaDeWe Dezember 79.«
»Entschuldigung, aber wir schließen gleich«, wies uns die Bedienung auf die vorgerückte Stunde hin. Frau Schneider nahm ihre Hand von meiner und ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass meine Nachtschicht auf mich wartete. Martha war schneller wieder im Hier und Jetzt als ich.
»Hör zu. Ich brauch deine Hilfe. Und du meine, wenn du nicht morgen im Knast landen willst. Du bist der Radikalinski, der bei von Erbe einge-brochen ist. Ich weiß alles. Ich habe auch alles mitbekommen, was du mit deiner Balkan-Schönheit besprochen hast.«
»Frau Schneider, oder von mir aus Martha. Balkan-Schönheit? Was soll das? So wird das nichts, wenn wir irgendwie zusammenkommen wollen.«
Ich war gründlich durcheinander. Die alte Schneider war Pest und Cholera in einer Person. Man sollte sich von ihr grundsätzlich weiträumig fernhalten! Andererseits wollte ich sie mir auch nicht um jeden Preis zur Feindin machen. Und sie hatte meine Neugier geweckt. Was war das für eine Story mit dem alten Nazi-Typen, der quasi als lebendige Leiche durch das KaDeWe spazierte?
»War nicht böse gemeint. Ich hatte vergessen, dass ihr linken Weltverbesserer euch gern gemein macht mit Ausländern und anderem Gesocks.«
»Gesocks? Ey, Martha Schneider, das läuft hier alles komplett falsch. Auch wenn du gleich zu den Bullen läufst und dein spärliches Wissen ausplau-derst … Ehrlich, was kann mir schon passieren, für den unwahrscheinlichen Fall, dass man mich erwischt? Maximal ein bisschen Knast? Vielleicht. Sitze ich auf einer Arschbacke ab. Aber ich mach mal eine andere Rechnung auf. Erstens unerlaubter Waffenbesitz. Der Ballermann in der Schublade in deinem Wohnzimmer. Da steht hier nach Alliierten Kontrollratsgesetz immer noch die Todesstrafe drauf. Auch wenn man dich dafür nicht hängen wird, aber fetter Ärger steht dir alle-mal ins Haus. Zweitens, wie willst du den Bullen erklären, dass du dich nicht gleich gemeldet hast, damals als dir klar wurde, dass dein Kaffee-Besuch schlimme Terroristen waren? Und was sagst du dazu zu deinem Nachbarn, dem sauberen von Erbe? Der macht dich Ruckzuck zur Terroristen-Sympathisantin. Und drittens, willst du wirklich wegen dieser kleinen Sache bei von Erbe in einem öffentlichen Prozess mit vollen Zuschauerreihen gegen mich aussagen? Wo wir wissen, dass du eine Nazi-Braut bist? Waffen-SS. Was meinst du, was meine Anwälte und erst meine Genossen daraus machen werden? Willst du deswegen raus aus deiner Wohnung? Berlin verlassen? Irgendwo neu anfangen? Ist es das wert?«
Frau Schneider schien ein bisschen geschockt und rührte Luft in ihrer leeren Kaffeetasse.
»Is ja schon gut. Ich renn doch gar nicht zur Polizei. Ich hab doch gesagt, dass ich deine Hilfe brauche, da werd ich sowas doch nicht machen.«
»Meine Herrschaften, ich muss sie jetzt wirklich abkassieren. Wir schließen«, drängelte die Serviererin. Für mich wurde es auch höchste Zeit, wollte ich nicht zu spät zur Arbeit kommen.
»Ich übernehme das mal alles«, sagte ich, um die Sache zu beschleunigen und holte einen 50-Markschein aus meiner Hemdtasche.
»Du kommst morgen bei mir vorbei und ich sage dir, was du für mich tun musst«, hatte Frau Schneider bereits wieder Oberwasser gewonnen, während mir das Wechselgeld vorgezählt wurde.
»Halt, stopp! Keine Chance! Ich betrete das Haus unter keinen Umständen. Und tun kann, nicht muss und auch das nur vielleicht. Wie wär es mit dem Max und Moritz in Kreuzberg.
Oranienstraße.«
»Kreuzberg? Da kann man als anständige Berlinerin doch nicht mehr hin.«
Mann, war die Alte anstrengend.
»Okay. Robbengatter? Grunewaldstraße, Nähe Bayerischer Platz.«
»Ja, Robbengatter. Kenne ich. Morgen um drei.«
Na, denn, bis morgen«, nickte ich und ging eilig zum Taxihalt in der Crellestraße. Mit der BVG war der Beginn meiner Schicht nicht mehr pünktlich zu schaffen. Langweilig würde die nicht werden. Da hatte ich für die kommende Nacht ordentlich was zum Grübeln aufbekommen.
Kapitel 11 – AM BRUNNEN
My faith was so much stronger then
I believed in fellow man
And I was so much older then
When I was young
When I was young
When I was young
Es war bereits wieder taghell, als ich mit Hendrik nach einer langen Besprechung aus dem 24-Stunden-Dönerladen auf die lärmende Haupt-straße trat. Vor den anderen Kollegen während der vergangenen Nachtschicht konnte ich mit ihm
die Causa Schneider schlecht besprechen, deshalb bat ich ihn in unserer Pause, die wir immer unge-fähr zwischen halb eins und eins einlegten und von uns Mittagspause genannt wurde, nach Schichtschluss mit mir zu Üzegül zu gehen. Üzegül war ein mittelgroßer türkischer Imbiss, der Tag und Nacht geöffnet hatte und in dem wir uns häufig mit Kollegen nach getaner Arbeit noch eine warme Speise und ein paar Biere gönnten.
Gleich beim Betreten des Kebab-Ladens schlug uns der typische Geruch dieser orientalischen Frittenbuden entgegen. Das roch nach Feierabend und Entspannung. Wir saßen an einem Tisch, mit Blick auf die nächtliche Hauptverkehrsader Schö-
nebergs und nach meiner Erzählung von den gestrigen Ereignissen im Café Göbel, war ich gespannt, was Hendrik dazu zu sagen hatte.
»Oh, nee. Das ist aber auch ein Pech. Ich hatte gehofft, dass mit Blick auf die Aktion als solche die Sache mit deiner Rückkehr nun endgültig abgeschlossen gewesen wäre«, konstatierte
Hendrik.
»Wer nicht?«, seufzte ich und steckte mir eine neue Zigarette an.
»Und jetzt diese Tante. Ich meine, du kannst da unmöglich hingehen heute Nachmittag. Was ist, wenn sie inzwischen bei den Bullen war? Dann sitzt du heute Abend in Moabit.«
»Ich weiß, aber ich glaube nicht, dass sie das macht. Sie will meine Unterstützung. Wofür auch immer.«
»Mark, Glauben ist etwas für die anderen! Du kannst dir nicht sicher sein. Du hast selber gesagt, der Frau ist alles zuzutrauen.«
»Ja, sicher. Aber vielleicht rennt sie erst recht zu den Bullen, wenn ich nicht aufkreuze. Quasi aus Rache. Café Göbel, meine ganze Debatte mit Penelope, was da alles an Namen und Orten fiel. Puh, das ist schon ganz schön dicht an mir dran. Und ehrlich gesagt: Ich bin auch neugierig. Was will sie von mir? Wenn da ein alter Nazi durchs KaDeWe spaziert, der eigentlich tot sein
sollte, dann ist das vielleicht die Chance, diesen SS-Typen zu enttarnen.«
»Ja, vielleicht. Und dann? Unsere saubere Justiz unternimmt doch eh nichts gegen solche Gestalten. Man müsste schon wis-
sen, dass da mehr ist als nur der Rang eines Obersturmbahnführers. Einsätze im KZ, irgendwelche der zahllosen Verbrechen
im Osten, irgend sowas. Nur SS, da klopfen sie ihm doch noch auf die Schulter.«
»Na, zumindest mal wollte er nicht erkannt werden«, warf ich ein.
»Ja, aber das kann viele Gründe haben. Du weißt doch gar nicht, ob die Schneider mit sauberen Karten spielt. Vielleicht steckt da etwas ganz anderes dahinter als nur ein SS-Typ, der sich ne neue Identität besorgt hat.«
»Möglich. Immerhin haben wir den Namen. Geburtsjahr können wir ungefähr deduzieren. Womöglich weiß die Schneider noch etwas mehr über ihn. Oder wir recherchieren mal selbst. WASt, Bundesarchiv und so.«
»Das dauert ewig. Und kann auch schwierig werden. Wir sind ja mit dem Kerl nicht verwandt. Da fehlt uns vermutlich die Berechtigung, personale Daten ermitteln zu lassen.«
»Das soll ja wohl alles auch nicht einfach sein. Es geht mir jedenfalls total gegen den Strich, die Sache einfach auf sich beruhen zu lassen. Immerhin haben sie ja letztes Jahr gegen die Stimmen der CDU/CSU die Verjährung bei Mord aufgehoben. Das gäbe zumindest theoretisch unserer Justiz die Möglichkeit, bei SS-Leuten zu handeln.«
»Aber auch nur theoretisch. Du weißt doch, wie sie jedes Verfahren gegen alte Nazis verschleppen. Einstellungen, Freisprüche oder Bagatellstrafen. Von denen ist nichts zu erwarten.«
»Ja, ich weiß, aber …«
»Mark, denk nach, ist es das Risiko wert, sich auf diese windige Alte einzulassen?«
»Keine Ahnung. Nichts machen ist aber auch ein Risiko. Politisch, moralisch und ganz real.«
Bei dem Wort moralisch hatte Hendrik das Gesicht verzogen. Es entstand eine Pause, bei der wir einem Nachtbus ohne Fahrgäste bei der Anfahrt auf eine leergefegte Bushaltestelle zusahen. Hendrik brach das Schweigen:
»Okay. Also dann machen. Aber mit Vorsicht.«
Die letzte Aussage von Hendrik wertete ich als Angebot zur Mithilfe und ich streckte ihm meine Hand entgegen. Er schlug ein. Für die weiteren Überlegungen ging ich zum Tresen und holte noch mal zwei Schultheiss von Üzegül, der heute Nacht mal wieder selber in seinem Laden stand.
»Noch zwei Schulli für euch? Na, klar. Danke übrigens noch, dass du mit Mehmet im Dezember mal gesprochen hast. Hat echt was gebracht. Er will jetzt doch erst mal weiter zur Schule gehen. Da fällt mir natürlich als Vater ein Stein vom Herzen.«
»Wenn es weiter nichts ist. Kein Problem«, versicherte ich Üzegül, dessen vierzehnjähriger Sprössling ernsthaft gemeint hatte, es wäre Zeit für eine Karriere als Profi-Boxer und Schule würde da nur stören.
Als ich zum Tisch zurückkam, hielt mir Hendrik sein geöffnetes Gauloises-Softpack entgegen. Ich bediente mich und Hendrik gab mir Feuer.
»Ich hab mal kurz nachgedacht, Mark. Folgender Plan für morgen: Ich bin mindestens eine halbe Stunde vor eurer Verabredung im Robbengatter. Ich setz mich in Tresennähe hin, wo ich den Laden komplett im Blick habe. Du bist auch so früh da, aber unsichtbar im Umfeld. Wo genau checken wir noch ab. Ich schau mir das Ganze drinnen an. Wenn mir irgendetwas oder irgendwer komisch vorkommt, verlasse ich den Laden, bleibe einen Augenblick vor dem Eingang stehen und kratze mich am Kopf. Dann weißt du, dass du unsichtbar bleiben musst und verschwindest. Du machst im Prinzip das Gleiche. Nur von draußen. Wenn alles sauber aussieht, machst du nichts und bleibst erstmal, wo du bist. Falls du merkst, dass die pigs da rumhängen, verlässt du den Bereich Richtung Haberlandstraße. Da steht an der Ecke eine Telefonzelle. Du rufst im Robbengatter an und fragst nach Herrn Egalwer. Ich nerve vorher am Tresen rum, dass es sein könnte, dass jemand für mich anruft. Damit ist dann für mich klar: Abbruch.«
»Klingt schon mal ganz gut. Aber ich bin ein misstrauischer Mensch, wenn es um die Bullen geht. Die sind zwar stumpf wie ein altes Küchenmesser, aber unser Stich im Dezember, der ist bei ihnen bestimmt noch nicht verheilt. Könnte sein die denken, dass wir genau das denken, was du denkst und dann denken sie sich, die sind nicht ganz bescheuert, die checken bestimmt das Robbengatter vorher, also lassen wir das Robbengatter Robbengatter sein und lassen den Typen schön mit der Schneider ein bisschen palavern und nach ner Weile, zack die Bumm, stehen wir da und aus die Maus.«
Hendrik rollte ein wenig mit den Augen.
»Mark, du weißt schon, dass dich einige aus der Gruppe inzwischen für paranoid halten. Insbesondere wegen deinem Abtauchen nach der Operation B-16. Das war bekanntlich völlig über-trieben. Einige fanden dein Verhalten sogar feige.«
Nun war ich es, der etwas mit seinen Augen machte, nämlich sie weit aufriss und zudem etwas lauter wurde: »Feige? Wer war in der Bude von dem scheiß Staatsanwalt? Kraschno und ich? Oder diese Schwätzer? Es gab nen klaren Hinweis von einem Informanten, der an der Quelle sitzt. Wer da feige schreit, den sollte man sich mal genauer
angucken! Und das ist nicht paranoid, sondern vermutlich gar nicht so falsch. Ja, es war falscher Alarm. Und das war für mich persönlich nicht so toll und kostspielig war es außerdem. Aber mein Drang in den Knast ist so gut wie nicht vorhanden. Ich hab nichts davon, wenn mir die Rote Hilfe von euch mal nen selbst gebackenen Käsekuchen vorbei bringt. Ich will bleiben, wo ich bin und weiter machen! Und das ist dann paranoid?«
Die letzten Worte hatte ich fast gebrüllt. Üzegül schaute schon etwas besorgt in Richtung unseres Tisches.
»Hey, ist ja gut, Mann. Reg dich ab. Ich hab doch mit keinem Wort gesagt, dass das meine Auf-fassung ist. Du kommst für manche eben etwas gestört rüber. Vielleicht nicht paranoid, aber …«
»Gestört? Lass uns die Debatte hier abbrechen, sonst kriegen wir richtig Streit. Wenn es bei uns Konsens ist oder wird, dass man sich bei oder nach einer Aktion vom Staatsapparat abräumen lässt und dann den Märtyrer spielen soll, dann bin ich nicht mehr der Richtige in der Gruppe. Ganz klar.« »Das sagt doch keiner. Sei nicht so eine Diva. Ich will dir doch lediglich sagen, was es für Haltungen dir gegenüber in der Gruppe gibt. Mehr nicht.« Ich schwieg und rieb mir angestrengt mit beiden Händen über das Gesicht, um mich wieder zu sammeln. »Okay. Lass mich noch einmal zum eigentlichen Punkt zurückkehren. Ich finde deine Überlegungen doch total korrekt und will sie nur noch etwas sicherer machen. Wenn du drinnen und ich draußen zu der Auffassung kommen, dass alles in Ordnung ist, kommt irgendwann die alte Schneider reingeschneit. Und ich will dann aus Sicherheitsgründen nicht dort mit ihr quatschen. Deshalb bereiten wir einen Brief für sie vor, der sie zu einem anderen Ort lotst. Das gibt uns die Chance noch einmal zu checken, ob ihr jemand folgt. Wir können sie an der ganz, ganz langen Leine laufen lassen, denn wir wissen ja, wo sie hin will. Und diesen Brief schreiben wir gleich hier.«
»Wie? Gleich hier?«
»Im negativsten Fall landet der Brief beim Staatsschutz. Deshalb scheidet etwas Handschriftliches aus. Aber sie können in-zwischen auch eine einzelne Schreibmaschine identifizieren, wenn sie sie denn haben. Und deshalb schreiben wir den Brief gleich hier.«
»Ich hab immer noch keine Ahnung, was du meinst«, äußerte Hendrik und machte eine Hilfe suchende Geste. »Komm mit«, beschied ich, stand auf und ging zum Tresen.
»Üzegül, sag mal, du hast doch bestimmt ne Schreibmaschine in deinem Büro, oder?«, wandte ich mich an den Döner-Chef, dessen Tür zu einer kleinen Abstellkammer mit Mini-Schreibtisch immer offen stand und die direkt vom großen Schankraum abging.
»Ja, hab ich. Is aber ne alte Gurke. Hab ich mal auf dem Flohmarkt am 17. Juni gekauft.«
»Ganz egal. Und nen schönes Blatt Papier und nen einfachen Briefumschlag haste doch bestimmt auch.«
»Ja, sicher, aber warum?«
»Wir müssen mal eben auf die Schnelle einen kurzen Brief aufsetzen. Dürfen wir dein Büro benutzen?«, kam ich auf den Punkt.
»Na klar, Mark. Du gehörst doch fast schon zur Familie«, strahlte Üzegül.
Ich nahm auf dem Hocker vor dem kleinen Schreibtisch Platz, Hendrik hatte Mühe sich hinter mir auch noch in das winzige Loch zu quetschen. Eine alte Kofferschreibmaschine der Marke Adler Primus Favorit stand auf dem Fußboden, wurde von mir auf den Schreibtisch gehievt und mit einem weißen Bogen Papier versehen.
»Und wohin schicken wir die alte Schneider nun?«, fragte ich Hendrik halblaut.
»Am besten an einen Ort in der Nähe, der übersichtlich ist und ausreichend Fluchtmöglich-keiten bietet.«
»Der Brunnen mit dem Goldenen Hirschen, vorne im Rudolf-Wilde-Park gleich neben dem Rathaus, der wäre doch was, oder?«
»Kennt die Schneider bestimmt.«
»Eben. Und du stehst oben über der U-Bahnstation auf der Brücke, während ich sie interviewe. Von da hat man zwar nicht alles, aber ne ganze Menge im Blick. Wenn was Schräges auftaucht, gibst du mir ein Zeichen.«
»Da muss ich ja ne Seenotfackel abfeuern. Das sind über hundert Meter Luftlinie«, schränkte Hendrik leise ein.
»Ich denke, es reicht, wenn du ne Jacke schwenkst oder sowas. Ich werde dich schon nicht aus den Augen verlieren.«
»Ob nun paranoid oder nicht. Aber solche Dinger scheinen deine Spezialität zu sein«, meinte Hendrik, was ich mal als kleines Friedensangebot werten wollte, während ich schnell eine klare Anweisung für Frau Schneider in die Maschine tippte, die sie ohne Umwege zum Hirschbrunnen leiten sollte. Als wir wieder mit zwei neuen Schult-heiss an unserem Tisch saßen, übergab ich Hendrik den verschlossenen Blanko-Umschlag.
»So, nun biste versorgt. Wenn alles sauber zu sein scheint, stehst du auf, legst Frau Schneider wortlos den Umschlag auf den Tisch und verlässt zügig das Robbengatter.«
»Und dann bleibe ich auch verdeckt in der Nähe, um ihr folgen zu können.«
»Genau. Aber denk dran, deine Bestellung sofort nach Erhalt zu bezahlen. Du musst nach dem Ablegen des Briefes stante pede aus dem Laden. Keine Verzögerungen, weil da noch ein Glas
Milch offen ist oder so. Die Schneider darf keine Chance haben, dich anzuquatschen oder Schlimmeres.«
»Da ist aber schon etwas Wahnhaftes an dir, oder nicht?«
»Du kennst die alte Schneider nicht, die legt Auftritte hin, da bekommst du Alpträume von.«
»Apropos. Ich hab sie ja noch nie gesehen. Wie erkenne ich sie?«
»Du spendierst mir noch eine Gauloises und ich liefere dir eine Beschreibung, dann erkennst du sie garantiert.«
Und nun stand ich in einer grellen Morgensonne, umtost von stetig anschwellendem Verkehrslärm, einigen Schultheiss, Reis und einer gebratenen Melanzani im Bauch, die wegen eines Übermaßes an triefendem Fett ihr Unwesen trieb und machte
mich zügig auf den Heimweg. Wollte ich halbwegs ausgeschlafen schon mittags um zwei das Rob-bengatter observieren, sollte ich mich sputen.
Als ich endlich im Bett lag, war es gleißend hell und ich knallwach. Da ich keine Licht abweisenden Vorhänge besaß, konnte ich mir nur die Decke über den Kopf ziehen und hoffen, dass ein wenig Schlaf kommen möge. Nach einigen Stunden leichtem und unruhigem Dämmerzustand stand ich in der Küche und versuchte zwei Scheiben labbriges Toastbrot in einen unter dem Gesichts-punkt der Verzehrbarkeit akzeptablen Zustand zu bringen. Zweifel, die schon meinen zahllosen Einschlafversuchen im Wege gestanden hatten, kamen wieder hoch. Zweifel, ob es nicht doch besser wäre, komplett die Finger von der Schneider-Sache zu lassen. Da lag doch wahr-scheinlich kein Segen drauf. Selbst wenn unser gestriger Plan komplett safe und cool abrollen sollte, was könnte scho groß das Ergebnis sein? Ein tieferer Einblick in die Befindlichkeiten von Martha Schneider? Eine anstrengende Ver-strickung mit ihr und ihren Angelegenheiten? Und was für Konsequenzen könnten daraus erwachsen? Auch hinsichtlich der möglichen Er-
kenntnisse zu dem SS-Mann. Da warteten womöglich neue unbekannte politische und damit praktische Probleme auf uns. Zu viele unbeant-wortbare Fragen und letztlich kaum Genießbares
in meiner Küche. Schlussendlich hatte ich mal wieder nicht die erforderliche Glaskugel, um zu einer vernünftigen Einschätzung zu kommen. Deshalb blieb wie immer nur eins: Handeln! Und
so machte ich mich zum Bayerischen Platz auf.
Um meine Ernährungssituation ein wenig zu verbessern, erwarb ich unterwegs auf die Schnelle ein fragiles Pappschälchen mit einer kleingesch-nittenen Currywurst mit Darm, aber ohne
Plastik-spießchen, was mir einen schönen Currywurstsoßenfleck auf meinem rechten Schuh bescherte. Kurz vor dem Bayerischen Platz konnte ich es nicht lassen bei Christiane Fritsch-Weith, der weit und breit bestsortiertesten Buchhändlerin, für einige Augenblicke ins Schaufenster zu
blicken. Aber ich war nicht hierhergekommen, um meine knappen finanziellen Ressourcen in bedrucktes Papier zu investieren, welches mich anschließend davon abhalten würde, mich um die
Dinge zu kümmern, um die ich mich eigentlich kümmern sollte. Hinter den Eingängen zum
U-Bahnhof Bayrischer Platz angekommen, posi-tionierte ich mich in der Grunewaldstraße so,
dass ich die Ausläufer der Stübbenstraße im Rücken und das Robbengatter und die einmün-dende Bozenerstraße im Blick hatte. Eine Litfaß-säule und ein geparkter alter VW-Bus in meiner unmittelbaren Nähe verdeckten mich halbwegs. Nach einer ersten Wartezigarette erschien Hendrik auf der Bühne und verschwand in dem Restaurant. Bereits bei meinem Anmarsch auf den Beobach-tungsposten hatte ich die Umgebung intensiv stu-
diert und nichts Auffälliges feststellen können. Ich hatte auch solche Objekte wie diesen Schrott-Bulli vor meiner Nase näher inspiziert, da unsere speziellen Freunde Observierungen gerne aus solchen Fahrzeugen vornahmen. Dafür kam hier aber kein Vehikel infrage und eine Operationsbasis aus einer umliegenden Wohnung bei der minderen Bedeutung der Angelegenheit und in der Kürze der Zeit erschien mir doch extrem unwahrscheinlich. So viel hatte ich inzwischen bei den Gesprächen mit Hascher, unserem Bullen-Informanten, und bei der Lektüre einschlägiger Fachliteratur gelernt.
Nun hieß es warten und die Augen offen halten.
Die Zeit kroch schneckenartig dahin, weitere Zigaretten gingen in Rauch auf, die Sonne schien mir ins Gesicht und nach einer Zeitdauer, die sich subjektiv so anfühlte, als hätte ich in ihr problem-los doch ein kleines Taschenbuch lesen können, passierte endlich etwas. Einen Grund mich zu verziehen und Hendrik im Restaurant anzurufen, hatte sich aus meiner Sicht nicht ergeben. Diverse Menschen hatten das Robbengatter betreten und verlassen, die Schöneberger gingen ihrem Alltag nach, schräge Staatsvögel schienen nicht unter ihnen zu sein. Dann hielt ein Taxi vor dem Robben-gatter und Frau Schneider erschien ziemlich genau um 15:00 Uhr, wie wir es vereinbart hatten. Nun wurde es spannend. Keine drei Minuten später kam Hendrik aus der Tür des Ladens und entfernte sich Richtung Bayerischer Platz. Noch ein-
mal drei Minuten später erschien Martha Schneider mit ihrer Damenhandtasche, in der sie gerade einen Briefumschlag verstaute und bog vom Eingang direkt in Richtung Meranerstraße ab, was nicht so ganz der kürzeste Weg zum Treff-punkt war. Ich blieb, wo ich war und sah alsbald Hendrik, der ihr im gebührenden Abstand folgte. Weiterhin nichts Verdächtiges. Als beide in der Meranerstraße meinem Blickfeld entschwun-den waren, setzte auch ich mich in Bewegung.
Ich musste meine Schritte gleich drosseln, sonst hätte ich die beiden sofort eingeholt. Frau Schneider schien es nicht besonders eilig zu haben und so legte ich an der Ecke Bozenerstraße
erst einmal eine Zigarettenpause ein, um die nötige Distanz zu gewinnen, die es mir erst erlaubte einzuschätzen, ob nicht doch irgend-jemand Interesse an Frau Schneiders Schlender-tour hatte. Viel los war in dieser Gegend um die Uhrzeit nicht und so begann sich mein Gedankenkarussell wieder zu drehen. Lag es
am Schlafmangel oder entwickelte ich langsam einen pathologischen Verfolgungswahn? Auf einmal kam mir in den Sinn, dass die ganze Schneider-Sache kein Zufall war. Irgendeine Ge-
nossin, die in die Operation Band 16 involviert war, hatte gequatscht. Daher Penelopes Anspielungen. Penelope selbst wollte unbedingt verbeamtete Lehrerin werden, wobei ihr ihre GIM-Mitglied-schaft oder Nähe zu diesem Trotzkistenhaufen hinderlich sein konnte. Die Bullen konnten über Frau Schneider einen der verdächtigen Besucher in ihrer Wohnung kurz vor der Operation Band 16 unmittelbar identifizieren. Also zitiert mich Penelope zu einem Treffen und gezielt an einen Tisch, in deren unmittelbarer Nähe die Bullen die alte Schneider platziert hatten. Aber warum hatte mich Martha Schneider dann im Café angesprochen. Das passte nun überhaupt nicht zusammen. Ich sollte auf das Land ziehen und Bratkartoffeln anbauen. Dieser ganze Kram hier tat mir nicht gut.
Inzwischen hatten wir die Badenschestraße überquert und ich wollte noch einmal ganz sicher gehen, dass ich nicht der verfolgte Verfolger war. Also ließ ich Martha und Hendrik Richtung Rudolph-Wilde-Park ziehen und bog links in Am Mühlenberg ab. Ich nahm den Fußweg am Ende der Straße, der mich zur Steinackerstraße führte, und legte eine weitere Zigarettenpause ein. Nichts, wirklich gar nichts. Nun konnte ich mir zumindest
in diesem einen Punkt völlig sicher sein. Mir folgte niemand.
Über den zweiten Teil der Straße Am Mühlenberg schloss ich wieder auf und konnte gerade noch sehen, wie Hendrik in die Freiherr-von-Stein-Straße abbog. Kurz darauf blieb Hendrik auf der Überbauung des U-Bahnhofs Rathaus Schöneberg stehen, der früher den schlichten Namen Stadt-park trug und den Emil Schaudt entworfen hatte,
eben zu der Zeit, in der er auch für die Erbauung des KaDeWe verantwortlich zeichnete. Manche sagen, es sei der schönste U-Bahnhof der Stadt. Ich stieg die Treppe zum östlichen Teil des
Rudolph-Wilde-Parks hinunter, während Martha schon den Brunnen mit dem Goldenen Hirschen umrundete und sich suchend umblickte. Das Ensemble machte einen friedlichen Eindruck. Auf der Wiese zwischen U-Bahnhof und Brunnen lagen
ein paar Bürger in der Sonne, auf den an den äußeren Parkrändern aufgestellten Bänken ruhten sich zu warm angezogene Rentner aus und um den Brunnen strichen ein paar Dealer und Junkies herum. Der Senat hatte der Stadt leichtfertig versprochen, das Drogenproblem zu lösen, was nun praktisch so aussah, dass die lokale Szene, wo immer sie sich zeigte, von der Polizei syste-matisch vertrieben wurde. Das produzierte außer Stress für die Beteiligten gar nichts. Nur zogen nun Abhängige und Kleindealer wie ein Wander-zirkus durch Tiergarten und Schöneberg. Heute hier, morgen dort. Mein Zielobjekt erreichte ich nach wenigen Augenblicken.
»Na, Frau Schneider, schönes Wetter heute, nicht wahr?«, trat ich von hinten an sie heran.
Es fiel mir nicht leicht, Frau Schneider zu duzen. Gewöhnlich duzte ich keine Personen ihres Alters. Genossen ausgenommen. Irgendwie fühlte sich das mit dem du zwischen uns seltsam an. Sie zuckte gehörig zusammen und drehte sich ruck-artig um. Sie brauchte nicht einmal die sprichwört-liche Schrecksekunde, um loszulegen:
»Mensch, Harry, biste varückt jeworden, ne alte Frau so zu erschrecken? Und was sollte überhaupt diese Räuberpistole mit dem jungen Mann und dem Briefumschlag? Trauste mir etwa nicht?«
»Wundert dich das? Gestern haste noch gesagt, dass du zur Polizei gehen möchtest. Und über-haupt traue ich so gut wie niemandem und bin lieber vorsichtig. Deshalb darfst du mir den Brief auch gleich zurückgeben. Aber lass uns doch setzen.«
Martha Schneider schien einen Moment zu überlegen, ob es wirklich schicklich sei, sich auf den ungeputzten Rand des großen Springbrun-nens zu setzen, konnte sich dann aber durch-ringen. Ich setzte mich rechts neben sie, während sie mir den Briefumschlag reichte. Über uns glitzerte der goldene Hirsch in der Sonne und wir blickten auf die Wiese vor dem oberirdisch gele-genen U-Bahnhof, auf dessen Überbau Hendrik deutlich zu sehen war. Die permanent sprudelnden Wasserfontänen machten einen ziemlichen Lärm, den auch ein besseres Richtmikrofon außer Gefecht setzen sollte.
»Kommen wir gleich zur Sache, Martha. Was hat es denn nun mit diesem Rudolf Kuhn genau auf sich? Und wo ist er abgeblie-ben, nachdem du ihn im KaDeWe erkannt hattest?«
Frau Schneider entnahm ihrer ehemals schneeweißen Handtasche eine Schachtel Lord Extra und ein Einwegfeuerzeug. Sie hielt mir die geöffnete Packung entgegen.
»Nee, danke. Ist nett, aber mit dem Zeug kann ich nichts anfangen«, sagte ich und fingerte eine zerknitterte Roth-Händle aus einem fast leeren Päckchen und ließ mir von ihr Feuer geben.
Ihre Hände zitterten. Das war neu. Sowohl, dass sie rauchte, als auch dieses Zittern. Bislang war sie immer die Ruhe selbst gewesen. Frau Schneider hustete mehr, als dass sie rauchte. Das sah nach allem anderen als Gewohnheit aus.
»Tja, der Kuhn … Der hatte mir nen Riesenschreck gemacht, weil der doch eigentlich tot sein sollte … Damals gleich nach dem Krieg, hab ich alles Mögliche angestellt, um etwas über Hans zu erfahren. Ich glaubte ganz fest, dass er noch lebte,
irgendwo. Dass er zurückkäme. Es gab aber für mich, außer die offiziellen Stellen anzulaufen, kaum Dinge, die ich tun konnte. Ja, in den ersten Wochen und Monaten nach Kriegsende, da hab
ich mich noch auf den Straßen und an den zerstörten Bahnhöfen rumgetrieben und habe Kriegsheimkehrer angesprochen, ob sie meinen Hans kennen würden, habe die Spitäler abge-laufen. Ich wusste ja nicht einmal genau, wohin Hans am Tag nach unserer Hochzeit gefahren war. Ostfront, ja, aber die Ostfront war doch praktisch überall. Der Kuhn war der einzige Mensch, den ich
kannte, der auch Hans gekannt hatte. Hans hatte ein bisschen von ihm erzählt. Er verehrte und bewunderte den Obersturmbannführer wohl, so wie er über ihn sprach. Naja, und so wusste ich etwas mehr als den Namen und erfuhr, dass er gleich Anfang Februar 45 beim Einsatz mit der Heeresgruppe Weichsel als Teil der 11. SS-Panzer-division bei dem Unternehmen Sonnenwende gefallen war. Das war damals für mich ein Schock. Fast so, als hätte ich erfahren, dass Hans dort gestorben wäre. Und ich dachte oft, dass vielleicht auch Hans dort … Aber das wollte ich ja gar nicht denken.«
Martha seufzte tief. Ich merkte, wie ich mich wieder von ihren Berichten einfangen ließ, ähnlich wie vor ein paar Monaten in ihrer Wohnung. Das nervte mich und ich drängte sie wieder zurück zur Gegenwart zu kommen.
»Und der Kuhn. Wo war er nun hin nach seinem Auftauchen im KaDeWe?«
»Der Tauentzien war voller Weihnachtseinkäufer, trotzdem hab ich versucht, hinter ihm herzugehen, weil ich dachte, wenn der doch noch lebt, dann weiß er vielleicht was von Hans und …«
Sie zog amateurhaft an ihrer Filterzigarette und stockte in ihrer gerade begonnenen Erklärung. Ich nutze die Pause, um mich umzublicken und mich zu vergewissern, dass Hendrik noch auf seinem Posten stand. Als ich wieder Martha Schneider anschaute, liefen Tränen aus ihren Augen und rollten ohne Unterlass über ihre Wangen. Darauf war ich nicht vorbereitet. Natürlich war ich angespannt, aber nun wich die Anspannung und eine unangenehme Bedrücktheit trat an ihre Stelle.
»… und ganz vielleicht ist Hans auch nicht tot, so wie dieser Rudolf Kuhn nicht tot ist, obwohl er es eigentlich offiziell sein sollte«, beendete ich den Satz für Frau Schneider, die nur ein geschluchztes Ja für mich zur Antwort hatte. Ihr Schluchzen verwandelte sich in ein verzweifeltes Weinen. Sie ließ den Glimmstängel fallen und lehnte ihren Kopf an meine Schulter. Einige Parkbesucher schauten kritisch zu uns herüber. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Jetzt saß ich hier mit einer flennenden SS-Braut und wusste nicht so recht, was ich tun sollte. Ich fummelte ein nicht gebügeltes, aber sauberes Stofftaschentuch aus meiner linken Gesäßtasche, auch so eine unzeitgemäße und oft bespöttelte Marotte von mir, reichte es ihr und ohne weiter nachzudenken, legte ich meinen linken Arm um Frau Schneider, was immerhin dazu führte, dass sie nicht mehr so beherzt publikums-wirksame Geräusche emittierte.
»Und was ist passiert, als du hinter ihm her gegangen bist?«, nahm ich das Gespräch nach einer Anstandspause wieder auf.
»Ich hatte ihn erst aus den Augen verloren. Aber ich bin dann doch weiter in die Richtung, die er genommen hatte. Richtung Kudamm. Und dann, als ich schon dachte, das war’s, der ist weg,
sah ich ihn, wie er an der Einmündung Ranke-straße ein Auto aufschloss und einstieg. Ich bin in die Rankestraße und hab mich vor den Wagen gestellt. Ich wusste nicht, was ich tat. Ich stand einfach nur vor dem Wagen und bewegte mich nicht. Der Kuhn saß hinter dem Steuer, hatte die Augen weit aufgerissen und schien wie erstarrt. Das Ganze dauerte sicher eine Minute oder auch länger. Nichts passierte. Dann, Hals über Kopf, riss er die Wagentür auf, stürzte auf mich zu, brüllte, was soll das, du dumme Kuh und zerrte mich zum Wagen, öffnete die Tür hinter dem Beifahrersitz und schubste mich rücksichtslos auf die Rück-bank. Noch bevor ich mich aufsetzen konnte, war er losgefahren. Er sagte kein weiteres Wort und hinter dem Ernst-Reuter-Platz, als er viel zu schnell die Bismarckstraße hochfuhr, fragte ich, wo fahren Sie mich hin, Herr Obersturmbann-führer. Aber er schimpfte bloß, Obersturmbann-führer …, du bist doch wirklich eine blöde Gans. Immer weiter ging die Fahrt und ich dachte, was hat der vor, will er mich irgendwo in einer ruhigen Ecke abmurksen oder wird er mich am Ende in die Zone verschleppen.«
An der Stelle runzelte ich ein wenig mit der Stirn und Martha stoppte ihre Erzählung. Ich machte eine neue Zigarette an der alten an und wartete auf eine Fortsetzung, die mir die alte Schneider aber zunächst missgönnte. Sie hatte inzwischen das Weinen eingestellt und schien wieder ganz ruhig zu sein. Ich sah sie an. Ihre Tränen hatten Wimperntusche um ihre Augen verteilt und sie sah ein wenig nach Alice Cooper aus. Der Gesichts-ausdruck war versteinert, so als säße sie immer noch in dem PKW des Obersturmbannführers. Da öffnete sie ihre Handtasche, griff hinein und zog eine Walther P38 heraus, mit der Kraschno und ich schon einmal unfreiwillige Bekanntschaft
gemacht hatten, und drückte sie mir in aller Seelenruhe in die Hand und sagte nur:
»Knall das Schwein einfach ab. Das ist alles, was ich mir von dir wünsche.«
Mir blieb fast das Herz stehen. Ich saß hier am helllichten Nachmittag mit einer Waffe in der Hand im Park, eine verheulte Mittfünfzigerin mit zweifel-hafter Vergangenheit im Arm und mein Genosse Hendrik stand auf der Carl-Zuckmayer-Brücke,
von der niemand wusste, dass sie Carl-Zuckmayer-Brücke hieß, am wenigstens Carl Zuckmayer selbst, weil der ja schon tot war, im Gegensatz zu dem SS-Heini Kuhn. Und besagter Hendrik schwenkte seine Cordjacke, wie ein übermotivierter Viehtreiber, über seinem Kopf. Das Signal. Die Wumme sollte jetzt aber mal ganz schnell von der Bildfläche verschwinden.
